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Liebgewonnene Vorurteile der Deutschen

in Türkei und Europa / Türkiye ve Avrupa 10.01.2010 19:28
von riudesign • 38 Beiträge

"Der Türke, der Europa und die Christenheit bedroht, ist immer hierzulande noch in den Köpfen", glaubt Yunus Ulusoy, 40, vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. Gerade im Zuge der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei würden solche Klischees von Beitrittsgegnern wieder aktualisiert. Eine Aufnahme in die Europäische Union könnte das Schwarzweißbild vieler Deutschen aber korrigieren, sagen manche Experten voraus.
"Auch die Einstellung der Deutschen zu anderen Nationen, etwa den Griechen, hat sich durch die Aufnahme in die EU verbessert", argumentiert der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. "Die politische Konstellation verändert immer auch die Wahrnehmung der Bevölkerung." Gerade die Türkei ist dafür ein gutes Beispiel. Denn das Bild der Deutschen von dem Land änderte sich schon häufig im Lauf der Geschichte.


Reger Austausch im 19.Jahrhundert

"Zu Zeiten des Wilhelminischen Kaiserreichs wurde das mächtige Osmanische Reich so wahrgenommen wie heute vielleicht Japan", weiß Schiffauer. Wer in der Weltpolitik das Sagen habe, gelte auch für die Bevölkerung als interessant. So gab es im 19. Jahrhundert einen regen Austausch zwischen den intellektuellen Eliten beider Reiche. Nach dem Ersten Weltkrieg allerdings verschwand das Land für Jahrzehnte aus dem Blickfeld der Deutschen: "In den 50er und 60er Jahren war die Türkei sehr weit weg."
Das änderte sich in den 70er Jahren durch die Einwanderung türkischer Arbeiter. "Die Gastarbeiter waren unqualifizierte Arbeiter vom Land. Noch heute sind die Vorurteile der Deutschen stark davon beeinflusst", sagt Oya Abali vom deutsch-türkischen Dialog der Körber-Stiftung in Hamburg. Schiffauer sieht das ähnlich: "Die Türkei wird heute aufgrund der Migration im Prinzip als ein rückständiges, chaotisches Land wahrgenommen", sagt er.


Die Argumente der Neinsager

Eine Umfrage des Zentrums für Türkeistudien zum EU-Beitritt der Türkei zeichnet ein anderes Bild: Nicht Chaos oder Rückständigkeit, sondern politische Faktoren führten jene ins Feld, die sich gegen den Beitritt aussprachen. Vor allem Missachtung der Menschenrechte (66,1 Prozent), Extremismusgefahr (60,1 Prozent) und der innenpolitische Einfluss des Militärs in der Türkei (58,7 Prozent) werden in der Studie aus dem vergangenen Jahr als Argumente genannt. Die Hälfte der Gegner äußerte zudem die Angst, es kämen im Falle eines Beitritts zu viele Arbeitssuchende nach Deutschland.


Weniger Bürokratie, weniger Angst

Für Schiffauer keine Überraschung: Gerade in Deutschland würden die Beziehungen zu anderen Nationen vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten wahrgenommen, zeigt eine von ihm durchgeführte qualitative Studie. "Wir sind tüchtig, und dann kommen die anderen und überschwemmen unser Land", fasst er die Angst der Deutschen zusammen. Doch gerade im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt hält er solche Befürchtungen für unbegründet: "Die Leute gehen sogar vermehrt in ihr Herkunftsland zurück, weil sie nicht befürchten müssen, dass sie nicht wieder nach Deutschland einreisen dürften", sagt er. "Die Erfahrung zeigt, dass die Rückmigration wächst, wenn sich der bürokratische Rahmen entspannt." Zudem würden verstärkte Handelsbeziehungen weitere Vorurteile abbauen.
Das spürt Gülay Yasin schon länger. Die Geschäftsführerin der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer in Köln registriert seit der verstärkten Diskussion um den türkischen EU-Beitritt einen starken Anstieg von Anfragen deutscher Unternehmer, die in der Türkei investieren wollen. Zwar muss Yasin weiter gegen Vorurteile ankämpfen, wie etwa das mangelnde Vertrauen in die Seriösität türkischer Partner. "Doch gerade kleine und mittelständische Unternehmen nehmen immer mehr Geschäftsbeziehungen mit der Türkei auf oder gründen dort Filialen", sagt Yasin. "Von denen, die sich trauen, hat es noch niemand bereut."


zuletzt bearbeitet 10.01.2010 19:48 | nach oben springen


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